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Ausgewählte Lyrik / Liebeslyrik
aus dem Buch unsagbares
von Connor Fairuza Angilotti

Kreislauf
 

Ich bewegte mich in Kreisen
und da ich mich in Kreisen bewegte
die mir nicht aus den Kreisen
in denen ich mich bewegte
hinaus helfen konnten
ziehe ich nun weiter meine Kreise
in den Kreisen
in denen ich mich bewege
und warte gespannt auf den Ausgang
 

aus unsagbares*
 
 

Existenzielles
 

Geh in Gedanken
den Weg zurück
auf dem Du gekommen bist
und Du wirst wissen
was Dich zu dem gemacht hat
was Du heute bist

Du wirst Dir bewußt werden
in welch hohem Maße
Du selbst dazu beigetragen hast
das zu sein
was Du heute bist

Aber auch
in welch hohem Maße
Du daran mitwirken kannst
was aus Dir werden wird
 

aus unsagbares*
 
 

Verwirrnis
 

Tief in mir
flüstert ein neuer Gedanke
in den alten Tag hinein
ein Lied, ein Gedicht
eine Frau ohne Gesicht
durch meine Augen hindurch
in die Nacht

Im Unverstandenwordensein
schon verschwunden
wie ein von Dunkelheit verschluckter
Bumerang
 

aus unsagbares*
 
 

Noto (im Regen)
 

Das Eßzimmer wurde zur Werft umfunktioniert
Unter der fachmännischen Anleitung unseres Vaters
bauten wir Schiffe aus Papier
Dann rannten wir wie riesengroße
zappelige Krähne auf zwei Beinen hinaus
ließen unsere Schiffe aus lebensbedrohlicher Höhe
in die reißenden Fluten des Rinnsteins klatschen
und winkten ihnen hinterher
bis sie an der nächsten Straßenecke
oder im nächsten Gully verschwunden waren

Wir haben nie wieder etwas von ihnen gehört
 

aus unsagbares*
 
 

Rückblick
 

Freiheit
der Wind
in meinem Gesicht
in meinen Haaren
zum Meer fahren
atmen
und sehen können
Unendlichkeit erahnen
von Licht durchflutet werden
und zurückfinden
 

aus unsagbares*
 
 

Flieg!
 

Du kannst
ihn nicht vom Wehen abhalten
Du kannst
Dich ihm entgegenstellen
oder
Dich von ihm tragen lassen

Willst Du frei sein?

Wer kann
Dich davon abhalten?

Der Wind?

Du kannst
Dich von ihm tragen lassen
oder
Dich ihm entgegenstellen
aber
Du kannst
ihn nicht vom Wehen abhalten

und er
Dich nicht vom Fliegen!
 

aus unsagbares*
 
 

Fliegen und Fallen
 

Ich fliege
wenn ich singe
Ich fliege
wenn ich liebe
Ich fliege
wenn ich springe
Ich fiele
wenn ich bliebe
 

aus unsagbares*
 
 

Stufen und Stockwerke
 

Wieder einmal von dir zu hören
hatte ich mir nun wahrlich anders vorgestellt
Nicht
"Er arbeitet jetzt bei dem und dem"
oder
"Er treibt es jetzt mit der und der"
sondern
"Er ist aus dem Fenster gesprungen"

Dabei habe ich
abgesehen von des Schicksals Schlägen
die du hast erleiden müssen
nur das Quentchen Glück mehr gehabt
mich bei der Auswahl meiner Freunde
und meines eigenen Lebensweges
stufenweise nach oben
entwickelt haben zu können

(Aus welchem Stockwerk
ist er eigentlich gesprungen?)
 

aus unsagbares*
 
 

tot (oder lebendig?)
 

Tod
ist der schwarze Mantel
der uns manchen Tags umgibt
hinter dem wir uns
manchen Tags verstecken

Tod
ist eine Ausrede
und eine Entschuldigung für alles
selbst dafür
nicht zu leben
 

aus unsagbares*
 
 

Noto (im Abendlicht)
 

Das samtene Abendlicht
durchfließt meine Augen
und breitet sich wie Balsam
auf meiner Seele aus
Die milde Kühle
umspielt meine Haut
und läßt mich spüren
wie warm mein Blut
meinen Körper durchströmt
 

aus unsagbares*
 
 

Entscheidendes
 

Hier
nimmt sich jemand
die Freiheit
sich das Leben
zu nehmen

Dort
nimmt sich jemand
die Freiheit
sich das Leben
geben zu lassen

Hier und Jetzt
nehme ich mir
die Freiheit
mir das Leben
wieder zu geben
 

aus unsagbares*
 

*
Alle Gedichte aus dem Buch
unsagbares
© 2002 Connor Fairuza Angilotti /
Edition Octopus (Books on Demand),
Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat,
Münster, August 2002.
 
 

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